Klasse Artikel, gerade bei spirii gelesen:
http://www.spirii.de/de/Wissen/Wissenschaft/Chronobiologie.html Chronobiologie - Leben im Rhythmus Chronobiologie
und Chronomedizin entdecken erstaunliche Zusammenhänge: „Chrono“ kommt
vom griechischen „Chronos“: Zeit. Vieles in der Natur läuft nicht in
linearen, sondern in zyklischen, wiederkehrenden Zeitabläufen ab. Diese
Rhythmen sind überall zu finden. Sogar Moleküle und Zellen schwingen und
„tanzen mit“ im Rhythmus des Ganzen. Die westliche Medizin beginnt erst
langsam, diese Tatsache zu entdecken – und vor allem die heilsamen
Konsequenzen dieser Erkenntnis zu begreifen. Autor: Christian Salvesen
Der Mensch ist ein komplexes Energie- und Schwingungsfeld. Nicht nur der
Puls- und Herzschlag oder die Gehirnaktivität werden in Frequenzen
gemessen und durch Schwingungen aller Art beeinflusst. Physik weiß das
dank Einstein – „Alles im Leben ist Schwingung“. Die östlichen
Heiltraditionen (Ayurveda, TCM, TTM) wissen es seit Jahrtausenden.
Was ist Rhythmus? Alles im Leben geschieht in einem Rhythmus. Rhythmus: Das ist Musik und
Tanzen. Wir klatschen in die Hände. Wir lachen uns an. Das kennen wir
alle gut. Das ist unser Ausgangspunkt, unser Grundmodell. Rhythmus
reicht natürlich viel weiter. Wir sprechen vom Herz- und Atemrhythmus,
vom Tag- und Nachtrhythmus, vom Rhythmus der Jahreszeiten. Oder vom
„Rhythmus der Großstadt“. „Rhythmos“ ist Griechisch. Darin steckt als
Wurzel „ziehen“ und „fließen“. („pantha rhei“ = alles fließt, Heraklit)
Rhythmus zieht und fließt. Genau wie beim Tanzen.
Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen Rhythmus befassen, wollen zunächst einmal
wissen und messen, wie oft sich ein Ereignis in einer bestimmten Zeit
wiederholt. Rhythmus wird zur „Frequenz“. Mit den enormen technischen
Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte können Ereignisse, die sich
Millionen Mal in einer Sekunde wiederholen, genau registriert werden.
Einen solchen superschnellen Rhythmus, zum Beispiel von elektrischen
Nervenimpulsen im Gehirn, erleben wir nicht bewusst. Aber das geschieht
im Körper und beeinflusst unser Fühlen und Denken. Wir sind also
unmittelbar davon betroffen.
Unsere Sinnesorgane verarbeiten ebenfalls Schwingungen, Wellen, Rhythmen, die sehr schnell
aufeinander folgen. Hörbare Töne und Geräusche liegen zwischen etwa 20
und 20.000 Hertz. Farben schwingen noch sehr viel schneller. Die
Maßeinheit für Schwingungen pro Sekunde wurde nach dem deutschen
Physiker Heinrich Hertz (1857-1894) benannt.
Bei den Tönen einer Melodie können wir nicht die einzelnen Schwingungen pro Sekunde
unterscheiden, aber wir nehmen sie zusammengenommen als eine besondere
Eigenschaft wahr, nämlich als Tonhöhe. Und aus aufeinander folgenden
Tönen entsteht wiederum das, was wir ursprünglich als Rhythmus kennen.
Einen musikalischen Rhythmus erleben wir als Einheit. Psychologen und
Gehirnforscher sprechen vom Gegenwartsbewusstsein. Es umfasst 3-4
Sekunden. Das genügt, um den Rhythmus zu erfassen und zu jeder
beliebigen Musik mitzutanzen.
Was länger zurückliegt, zehn Sekunden, eine Minute, eine Stunde, einen Tag etc. ist „Erinnerung“.
Eine Rekonstruktion des Geschehenen. Dabei arbeitet das Gehirn ganz
anders als beim unmittelbar Erlebten. Wir kennen das: „Die Erinnerung
verblasst“. Was vor einigen Minuten geschah, ist nicht mehr so präsent,
ganz zu schweigen von dem, was wir gestern oder vor einem Jahr erlebten.
Doch wir wissen – aufgrund unseres Gedächtnisses – dass sich gewisse
Ereignisse über einen längeren Zeitraum wiederholen. Damit steigen wir
auf eine dritte Ebene von Rhythmus. Die Zyklen der Natur gehören dazu:
Der Wechsel von Tag- und Nacht, der Monatszyklus, die Jahreszeiten. Und –
noch abstrakter, wiederum erst durch die Wissenschaft unserer Zeit ins
Spiel gebracht: Die Zyklen von Eiszeiten, großen Naturkatastrophen,
Geburt und Tod von Sonnen. Gedacht wurden solche Zyklen, die sich über
Millionen von Jahren erstrecken, nicht erst in unserer Zeit. In den
indischen Veden wurde bereits vor über 3000 Jahren folgender Vergleich
aufgestellt: So wie wir in wenigen Sekunden ein- und ausatmen, so atmet
der Schöpfergott ein Universum aus- und ein, in Milliarden von Jahren.
Zeit ist wahrlich ein Mysterium.
Mittlerweile befassen sich viele Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen „Abteilungen“ mit
Rhythmus: Astrophysiker, Biologen, Chemiker, Elektroniker,
Friedensforscher, Geologen, Historiker, Klangforscher, Literatur- und
Musikwissenschaftler, Mediziner, Neurologen, Psychologen, Soziologen
etc. Doch hier möchte ich kurz einen jungen Zweig vorstellen, der sich
als besonders wichtig erweisen wird: Die Chronobiologie. Eine Art
Biologie der Zeit (chronos). Sie fragt – zusammen mit der verwandten
Chronomedizin: Wie wirken die verschiedenen Rhythmen auf unser Befinden,
unsere Gesundheit bzw. Krankheit?
Zu den Pionieren dieser neuen Wissenschaft gehören Prof. Dr. Franz Halberg in den USA (1) und
Prof. Dr. Gunther Hildebrand (1924-1999), ehemaliger Leiter des
Marburger Instituts für Arbeitsphysiologie und Rehabilitationsforschung
und Gründungspräsident der European Society for Chronobiology. Es hat
sich sehr bald gezeigt, dass jede Zelle, jedes Organ, jeder
Stoffwechsel, jeder Gehirnimpuls in ein komplexes Gesamtsystem von
Rhythmen eingebunden ist. Alles läuft in Zyklen und in einem Takt ab,
gesteuert von einer Art inneren Uhr.
Die Chronobiologie unterscheidet zwischen kurzen, mittleren und langen Wellen. Die kurzen
Wellen, wie zum Beispiel Nervenimpulse, können nur von feinsten
elektronischen Geräten registriert werden. Die mittleren können wir
direkt wahrnehmen: Herz- und Pulsschlag, Atemrhythmus, Rhythmen eines
Musikstücks. Sie liegen im Bereich des Gegenwartsbewusstseins. Die
langen Wellen reichen über das Gegenwartsbewusstsein hinaus: Minuten-,
Stunden-, Tag- und Nachtzyklen, Monats- und Jahreszyklen. Alle drei
Wellenlängen sind für unsere Gesundheit wichtig. Doch wir wollen mit dem
beginnen, was wir direkt erfahren.
Psalm Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unseren Staub. Niemand. Gelobt seist du, Niemand. Dir zulieb wollen wir blühn. Dir entgegen. (Paul Célan) In diesen Versen von Paul Célan schwingt Rhythmus. Wir spüren ihn, noch
bevor wir den Sinn der Zeilen erfassen. Das Gehirn hat bereits
(um-)geschaltet. Wir erleben anders. Akzente, Betonungen entstehen, ein
innerer Tanz.
Gedichte, Musik und Tanz weisen uns auf ein
Prinzip, das in der gesamten Natur und Existenz herrscht. Alles, vom
Elektron bis zur Galaxie, bewegt sich in einem eigenen Rhythmus und
schwingt zugleich mit unzähligen anderen Rhythmen. Und alle beeinflussen
sich gegenseitig. Resonanz, glaubt der Molekularbiologe und Philosoph
Friedrich Cramer, ist das, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Wir wollen den Herzschlag des Lebens erforschen und in ihm tanzen, wollen
mitschwingen, bewusst, zu unserem und aller Segen. Wenn wir uns unwohl,
gestresst oder schwach fühlen, ist irgendetwas aus dem Takt geraten.
Vorher, als es uns gut ging, schien unser Leben wie eine gemütlich
unterhaltsame Kanufahrt auf einem gleichmäßig dahinströmenden Fluss. Nun
bemerken wir Hindernisse, Strudel und Engpässe, fühlen uns überfordert
oder gar ausgeliefert und hilflos.
Wiederum sind es Poesie, Musik und Tanz, die uns in solchen schwierigen Situationen
helfen können. Sie lassen uns verstehen, dass wir ja immer bereits
getragen sind von den Rhythmen des Lebens, von den Jahreszeiten, dem
Wechsel von Wachsein und Schlafen, dem Pulsieren des Blutkreislaufs und
dem Aus- und Einatmen. Und sie geleiten uns mit ihrem Rhythmus heilsam
zurück in die Harmonie mit uns selbst und dem Ganzen.
Worte können verletzen oder heilen, aufregen oder beruhigen, verwirren oder
klären. In einem Reim mit rhythmischen Akzenten wirken sie aber darüber
hinaus unmittelbar auf Atem, Herz- und Kreislauf, das Nervensystem und
andere meist unbewusste Vorgänge im Körper.
Deutlicher und stärker spürbar geschieht das natürlich im Tanz, dem Urmodell für
Rhythmus. Das älteste und wichtigste Instrument für musikalischen
Rhythmus ist die Trommel. Sie leitet den Schamanen der Urvölker ebenso
wie den heutigen Tanztherapeuten und seine „Patienten“.
In der Natur scheint sich alles nach einem ungeheuren Fahrplan zu richten.
Insekten-, Vogel- und Fischschwärme streben zielsicher zu weit
entfernten Orten, um sich zu einer bestimmten Zeit zu paaren und zu
vermehren. Selbst eine Pflanzenzelle scheint zu „wissen“, wann genau sie
sich teilen oder bestimmte „Informationen“ an andere Zellen „senden“
muss. Wir können heute die Entwicklung eines Menschen im Mutterleib von
Anfang an genau beobachten. Die Wissenschaftler staunen, wie zum
Beispiel ein scheinbar so selbstverständlicher Vorgang wie Wachstum
durch unzählige Schritte gleichsam vorprogrammiert sein muss, damit
schließlich ein komplexer Organismus entsteht. Kommt ein kleiner
Zwischenschritt zu früh oder zu spät, kann ein Embryo deformiert und
krank werden oder sterben. Wie werden all die komplizierten Abläufe in
der Natur reguliert und koordiniert?
Dieser Frage widmen sich ganz neue Forschungszweige wie die Chronobiologie und
Chronomedizin. Die Ergebnisse sind verblüffend! Und sie haben ganz
praktische Konsequenzen für jeden von uns. Wir können uns zum Beispiel
von immer wiederkehrenden Stimmungstiefs mit Hilfe von Musik befreien.
Durch alle Systeme, seien es Atome, organische Zellen, Organe, Menschen,
Gesellschaften oder Galaxien schwingt eine allumfassende Energie oder
Kraft. Wir können sie bewusst als Liebe erfahren.
Erinnern Sie sich noch an das Gedicht von Paul Celan? Warum habe ich gerade
dieses Gedicht an den Anfang gestellt? Eine starke rhythmische Struktur
hat es nicht. Es reimt sich nicht einmal! Doch was geschieht da? Es wird
geknetet, besprochen, gelobt und geblüht. Wer oder was tut das?
Niemand? Mich hat das Gedicht schon vor über 30 Jahren so berührt, dass
ich es mehrmals vertonte.
Schwanken wir in diesen Zeilen nicht zwischen Du, Gott und niemand, nichts? Zwischen einem
Verantwortlichen und einem zufälligen Gewürfel? Dirigieren wir den Tanz
des Lebens oder werden wir getanzt? Soviel ist sicher: Wir blühen, ob
wir es wollen oder nicht, wie die Rose, zur richtigen, angemessenen
Zeit.
Die zweite Hälfte des Psalms lautet: Ein Nichts waren wir, sind wir, werden wir bleiben, blühend: die Nichts-, die Niemandsrose. Mit dem Griffel seelenhell, dem Staubfaden himmelswüst, der Krone rot vom Purpurwort, das wir sangen über, o über dem Dorn. Aus: Christian Salvesen: Leben im Rhythmus, O.W. Barth Das Buch ist in Restexemplaren über amazon erhältlich.