Eine alte Prophezeiung besagt, daß zweitausendfünfhundert
Jahre nach Buddhas Tod ein Wiederaufleben des Dharma stattfinden wird.
Wir
erfahren zur Zeit die Erfüllung dieser Voraussage in der sich jetzt
anbahnenden
Renaissance der geistigen Belange. Um die Weite und Tiefe der
Prophezeiung
verstehen zu können, ist es gut zu wissen, was das Wort "Dharma"
bedeutet.
Dharma kommt aus dem Sanskrit, und seine allgemeine Bedeutung ist das
Gesetz,
das So Sein der Dinge, das Tao, insbesondere aber die Lehre Buddhas. All
dies
ist der Dharma. Auch die einzelnen psychischen und physischen Elemente,
aus
denen die Lebewesen bestehen, sind damit gemeint. Die Elemente des
Geistes:
Gedanken, Visionen, Empfindungen, Bewußtsein und die Elemente der
Materie werden
einzeln als "Dharmas" bezeichnet. Die Aufgabe bei allen geistigen
Übungen ist
es, diese Dharmas in uns zu entdecken und zu erforschen, alle Elemente
des
Geistes und des Körpers zu entschleiern und zu durchdringen, sie sowohl
einzeln
zu erkennen als auch ihre gesetzmäßige Entwicklung und ihre Beziehungen
untereinander zu verstehen. Genau dies ist es, was wir hier tun: In
jedem
Augenblick erfahren wir die Wahrheit über unsere Natur, die Wahrheit
darüber,
wer und was wir sind.
Es gibt eine Eigenschaft des Geistes, die die Bedingung und die Grundlage für
geistige Erfahrungen ist, diese Eigenschaft nennt man "Reines
Beobachten". Beim
Reinen Beobachten betrachten Sie die Dinge so, wie sie sind; Sie wählen
nicht,
Sie stellen keine Vergleiche an, Sie werten nicht, Sie tragen keine
Projektionen
und Erwartungen in das Geschehen hinein. Sie entwickeln ein wahlfreies
und rein
aufnehmendes Beobachten. Diese Eigenschaft des Reinen Beobachtens wird
sehr gut
durch ein berühmtes japanisches Haiku illustriert:
- Alter Teich in Ruh.
- Fröschlein hüpft vom Ufersaum,
- Und das Wasser tönt.
Es ist keine dramatische Beschreibung des Sonnenuntergangs
und des friedlichen Abendhimmels über dem Teich und der Schönheit all
dessen.
Nur eine kristallklare Wahrnehmung des Geschehens. "Alter Teich in Ruh.
Fröschlein hüpft vom Ufersaum, und das Wasser tönt." Reines Beobachten:
Sie
lernen, einfach und direkt zu sehen und wahrzunehmen, frei von
Beimischungen. Es
ist eine kraftvolle, durchdringende Eigenschaft des Geistes.
Während sich die Eigenschaft des Reinen Beobachtens entfaltet, stellen sich
bereits grundlegende Veränderungen an unserer Lebensführung ein. Die
Losung
unserer Zeit ist: "Sei jetzt hier" - im gegenwärtigen Moment leben. Das
Problem
ist die Durchführung. Unsere Gedanken verweilen meistens in der
Vergangenheit,
überdenken verflossene Dinge oder planen für die Zukunft oder ersinnen,
was noch
geschehen wird, oft in Angst und Sorge. Es ist oft sehr schwer, im
gegenwärtigen
Augenblick verankert zu bleiben, weil wir uns ständig an die
Vergangenheit
erinnern oder über die Zukunft spekulieren. Reines Beobachten ist die
Fähigkeit
der Achtsamkeit, die uns lebendig und wach im Hier und Jetzt hält. Wir
verweilen
in der Gegenwart und erfahren bewußt das, was geschieht.
Es gibt eine Zen-Geschichte über das Leben im Jetzt. Zwei Mönche kehrten
abends heim in ihren Tempel. Es hatte geregnet, und die Straßen waren
sehr
schlammig. Sie kamen an eine Kreuzung, an der ein schönes Mädchen stand,
die
wegen des Schlammes die Straße nicht überqueren konnte. Sofort hob der
erste
Mönch sie auf und trug sie über die Straße. Danach setzten die Mönche
ihren Weg
fort. Einige Zeit später, am Abend, konnte der zweite Mönch sich nicht
länger
bezwingen, und er wandte sich an den ersten: "Wie konntest du nur?! Wir
Mönche
sollten weibliche Wesen nicht einmal ansehen, geschweige denn anfassen.
Und ganz
besonders keine jungen und hübschen." - "Ich ließ das Mädchen dort",
antwortete
der erste Mönch, "trägst du sie immer noch?" Während sich die
Eigenschaft des
Reinen Beobachtens entwickelt und wir konstatieren, was in uns und um
uns
geschieht, erfahren und reagieren wir auf die Gegenwart spontaner und
gelöster.
Der Geist wird durch die Übung des Reinen Beobachtens in einen Zustand der
Ruhe gebracht. Ein ungeübter Geist reagiert oft nur, klammert sich an
angenehme
Dinge und verurteilt die unangenehmen, hängt an dem, was er mag, und
schiebt
Verabscheutes von sich, er reagiert mit Gier und Haß. Eine ermüdende
Unausgewogenheit des Geistes. Je weiter das Reine Beobachten entwickelt
wird, um
so mehr lernen wir, Gedanken und Gefühle, Situationen und andere
Menschen ohne
die Verkrampfung durch Anhaften oder Abneigung zu erfahren. Wir beginnen
das,
was geschieht, voll und ganz zu erfahren, mit einem ruhigen und
ausgeglichenen
Geist.
Die Bewußtheit des Reinen Beobachtens ist nicht auf eine bestimmte Meditationszeit am Morgen und am Abend beschränkt. Der Glaube, daß die
Sitzmeditation die Zeit der Achtsamkeit ist und die übrige Zeit des
Tages nicht,
bringt Disharmonie in unser Leben und verhindert die Entwicklung eines
rechten
Verständnisses Achtsamkeit sollte ständig angewandt werden, ob wir
sitzen,
stehen, liegen, reden oder essen. Wir sollten das Reine Beobachten auf
alle
Objekte richten, auf alle Bewußtseinszustände und auf alle Situationen.
Jeder
Moment sollte voll und ganz gelebt werden. Es gibt eine Geschichte über
einen
Mann, der vor einem Tiger floh. Er kam an einen Abgrund, ergriff eine
wilde
Weinranke und schwang sich über den Rand. Von oben schnüffelte der Tiger
nach
ihm, während unter ihm ein anderer Tiger knurrte und die Zähne fletschte
und
darauf wartete, daß er abstürze. Während er da nun hing fingen zwei
Mäuse an,
die Weinranke durchzunagen. Gerade in diesem Moment sah er eine große
wilde
Erdbeere nahebei wachsen. Er streckte seine freie Hand aus und pflückte
sie. Wie
süß sie schmeckte!
Eine andere Eigenschaft des Reinen Beobachtens ist es, daß es nach einer
gewissen Zeit der Übung mühelos wird, es ganz von selbst auftritt. Es
ist dem
Vorgang ähnlich, wenn wir lernen, ein Instrument zu spielen. Wir setzen
uns,
werden unterwiesen und müssen bestimmte Übungen machen. Wir beginnen zu
üben,
und die Finger wollen zuerst nicht recht, wir verspielen uns oft, und es
hört
sich schauerlich an. Aber wenn wir jeden Tag üben, werden die Finger
beweglicher, und die Musik hört sich besser an. Nach einer bestimmten
Zeit
entstehen gewisse Fertigkeiten, so daß unser Spiel mühelos wird. Dann
besteht
kein Unterschied mehr zwischen Spielen und Üben, das Spielen selber ist
die
Übung. Es ist hier genau dieselbe Entwicklung, wir üben Achtsamkeit, wir
fangen
ganz langsam an, beachten die Bewegungen unserer Schritte, "Heben,
Vorwärtstragen, Aufsetzen", achten auf den Atem, "Heben, Senken" oder
"ein,
aus". Zuerst ist eine starke Bemühung notwendig. Die Achtsamkeit erfährt
viele
Unterbrechungen. Es gibt viele Kämpfe und Hindernisse. Aber nachdem der
Geist in
der Achtsamkeit geübt ist, wird er zunehmend natürlicher. Wir werden an
einen
Punkt der Übung kommen, wo die Kraft der Achtsamkeit so stark ist, daß
sie
selbständig einsetzt, und durch diese mühelose Achtsamkeit beginnen wir,
die
Dinge leicht, natürlich und einfach auszuführen.
Reines Beobachten bedeutet vor allem, daß wir lernen, in uns hineinzuhorchen,
auf unseren Geist, unseren Körper und auf unsere Umgebung zu achten.
Vielleicht
haben Sie einmal still an einem Meer oder Fluß gesessen. Zuerst hören
wir nur
ein lautes Geräusch. Aber wenn wir still sitzen und nichts weiter tun
als
horchen, beginnen wir eine Unzahl feiner und feinster Geräusche zu
hören, die
Wellen, die gegen den Strand schlagen, oder die rauschende Strömung des
Flusses.
In diesem Frieden und dieser Geistesstille erfahren wir sehr tief, was
geschieht. So ist es auch, wenn wir in uns hinein horchen. Zuerst hören
wir nur
das "Selbst oder "Ich". Aber langsam wird das Selbst als eine Anzahl
stets
wechselnder Elemente enthüllt; Gedanken, Gefühle, Empfindungen und
Vorstellungen, alle werden durch Horchen, durch Achtsamkeit erkannt. Es
gibt ein
schönes Gedicht von einer Zen-Nonne:
- Sechsundsechzig Mal haben diese Augen
- des Herbstes wechselndes Bild gesehen.
- Ich schweige vom Mondlicht;
- frage mich nicht.
- Höre nur auf das Tönen
- der Kiefer und Zedern,
- wenn kein Windhauch sich rührt.
Das Tönen der Bäume hören, wenn kein Windhauch sich rührt. Der Friede dieses
Geistes drückt das Gleichgewicht des Tao aus, das Schöpfende und das
Empfangende. Schöpferisch ist er durch sein Wachsein, seine
Durchdringungskraft
und sein aktives Aufmerken. Empfangend ist er durch sein Nichtwählen,
Nichturteilen, Nichtverdammen. Es ist ein offener und sanfter Geist.
Wenn
Achtsamkeit und klares Sehen mit Aufnahmefähigkeit und Offenheit
zusammentreffen, wird das Gleichgewicht vollkommen, und der Geist
erfährt die
volle Harmonie der Unvoreingenommenheit und Gelassenheit.
Zwei Geistesfaktoren sind in erster Linie für die Entwicklung des Reinen Beobachtens verantwortlich.
Wenn beide, Achtsamkeit und Sammlung, entwickelt sind, ist ein Gleichgewicht
des Geistes erreicht; es ermöglicht ein vollkommenes Lauschen. Eine
tiefe und
durchdringende Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt sich und offenbart uns
viele
Aspekte darüber, wer wir sind.
Weisheit kommt nicht von einem bestimmten Objekt oder einem bestimmten
Zustand. Suzuki Roshi hat von "nichts Besonderem" gesprochen. Es ist
nichts
Besonderes in unserem Geist, in unserem Körper, in der Art, wie die
Dinge
geschehen. Alle Dinge, die aufsteigen, haben die Eigenart zu vergehen;
es gibt
nichts Besonderes zu erreichen oder zu ergreifen, nichts Besonderes, an
das wir
uns halten können. Was immer mit diesem Fließen auf uns zukommt, es ist
gut so.
Wichtig ist die Ausgewogenheit und Klarheit des Geistes. Es ist nicht
besonders
erstrebenswert, ungewöhnliche Erfahrungen zu machen. Obwohl
außergewöhnliche
Phänomene manchmal auftreten, sind sie nichts Besonderes, lediglich
weitere
Objekte der Betrachtung und dem gleichen Gesetz der Vergänglichkeit
unterworfen.
Was wir tun wollen, ist, alles loszulassen und uns mit keinem Zustand,
wie auch
immer, zu identifizieren. Wir wollen nach allen Seiten hin frei sein, an
kein
Geschehen gebunden sein, auch nicht durch goldene Ketten. Wenn wir
diesen Fluß
der Vergänglichkeit sehr tief erfahren, wenn wir klar und direkt
erkennen, daß
jeder Teil unseres Wesens sich verändert, im Wechsel begriffen ist, dann
beginnen wir abzulassen von unserem am stärksten bedingten Anhaften, und
wir
kommen in Einklang mit dem Fließen. Kein Widerstehen, kein Anklammern,
kein
Ergreifen. Wir werden eins mit dem sich entfaltenden Dharma.
Gibt es keine Seele, auch nicht als Teil der Entwicklung?
Die ganze Entwicklung der Achtsamkeit basiert darauf, daß wir die Dinge mit
einem stillen Geist erfahren, und nicht mit unseren Gedanken und
Vorstellungen
darüber. Wir gelangen von einer Gedanken- und Vorstellungsebene des
Geistes zu
einer intuitiv-erfahrenden Ebene. Alle Worte sind belanglos im Vergleich
zu der
schweigenden Wahrnehmung. Ich halte es jetzt für erwähnenswert, daß Sie
nichts
blindlings glauben sollen. Das wahre, tiefe Verständnis wird aus Ihrer
eigenen
Meditation kommen. Ob Sie die Begriffe kennen oder nicht, fällt nicht
ins
Gewicht. Einige der fortgeschrittensten Yogis haben nie studiert, nie
ein Buch
gelesen und sind keineswegs immer sehr klug, aber sie hören die
Übungsanweisungen und führen sie aus. Der ganze Dharma entfaltet sich in
ihnen,
sie erfahren viele Stadien der Erleuchtung, und trotzdem fehlen ihnen
die Worte,
ihr schweigendes Wissen mitzuteilen. Die Erfahrung der Wahrheit in uns,
frei von
Vorstellungen und Ansichten, ist das Allerwichtigste.
Was ist der Sinn der Konzentrationsübung?
Es gibt verschiedene Methoden, um auf dem Weg zu gehen. Traditionell wird
erst die Konzentration entwickelt und dann diese Geisteskraft zur
Entwicklung
der Einsicht eingesetzt. Dies kann eine sehr lange Zeit dauern, da
besondere
Umstände nötig sind, um eine starke Sammlung zu entwickeln. Ein Teil von
dem,
was insbesondere während der letzten 100 oder 150 Jahre in Burma
geschah, ist
das Wiederaufleben der Vipassanā-Techniken, die Achtsamkeit und
Konzentration
gleichzeitig entwickeln, so daß die gegenwärtig gehaltene Achtsamkeit
und die
Konzentration stark genug sind, um zur Erleuchtung zu führen.
Haben wir irgendeine Wahl in bezug auf die Dinge, die wir in dieser Welt tun?
Vieles von dem, was geschieht, ist durch unser vergangenes Karma bedingt,
aber wie wir darauf reagieren ist uns innerhalb der Freiheit des
Augenblicks
überlassen. Wir können Achtsamkeit pflegen oder auch nicht. Es gibt
keinen Zwang
auf die Dinge zu reagieren. Unsere Freiheit liegt in unserem Verhalten
dem
Augenblicksgeschehen gegenüber.
Wie verhält sich die westliche psychologische Vorstellung von einem Unbewußten zur Meditation?
Wenn der Geist still wird und wir die Wahrnehmung verfeinern, dann werden
viele Dinge die unter unserer normalen Bewußtseinsschwelle liegen, viele
Dinge
die unbewußtes Material genannt werden durch die Achtsamkeit erhellt.
Wir
beginnen zu erkennen was früher unbewußte Bedingtheit war und durch
dieses
Gewahrsein beginnen wir sie in unseren Geist zu integrieren.
Mindert das Bemühen, in jedem Augenblick bewußt zu sein, die Spontaneität?
Unachtsam sein sein bedeutet nicht spontan sein. Wir sind lediglich ein
Roboter und keineswegs spontan wenn wir bedingt und mechanisch auf die
Dinge
reagieren. Ein Anstoß kommt von außen und wir handeln unbewußt und
unachtsam.
Das ist kein spontaner Bewußtseinszustand - es ist ein mechanischer.
Spontan
sind wir wenn der Geist still ist, wenn der Geist intuitiv ausgerichtet
ist und
ganz klar jeden Augenblick in sich aufnimmt. Wenn Achtsamkeit gut
entwickelt ist
wird das Fließen nicht unterbrochen der natürliche Rhythmus nicht
beeinträchtigt. Am Anfang ist es sicher nützlich sich auf jeden
einzelnen
Vorgang einzustellen aber nach der Entwicklung des Reinen Beobachtens
fließt es
mühelos.
Zu dem Gleichnis vom Erlernen des Klavierspielens und der Übung des Reinen
Beobachtens. Es gibt viele Menschen, die Klavier spielen, aber nur sehr
wenige,
die darin wahre Meister werden. Könnte man nicht auch meinen, daß dies
auf die
Übung des Reinen Beobachtens zutrifft, daß nur sehr wenige Menschen
wirklich
achtsam werden?
Die Entwicklung der Menschen ist unterschiedlich. Manche Menschen kommen
langsam weiter und quälen sich. Andere entwickeln sich auch langsam
haben aber
meist angenehme Empfindungen dabei. Manche kommen sehr schnell voran
unter
vielen Schmerzen und andere entwickeln sich schnell und haben viel
Freude. Es
hängt sehr stark mit der Anhäufung unseres früheren Karmas zusammen,
damit, wie
entwickelt die geistigen Fähigkeiten unseres Bewußtseins schon sind.
Aber wenn
die Richtung stimmt, brauchen wir nur weiterzugehen. Ob es ein Jahr
dauert oder
sechzig Jahre oder fünf Leben, es macht nichts, wichtig ist nur, daß wir
dem
Lichte zustreben. Wir wollen auf die Freiheit zu gehen, nicht rückwärts
in die
Dunkelheit. Ganz gleich, welche Entwicklung der einzelne durchgemacht
hat, wir
müssen da beginnen, wo wir sind.
Sie sprechen davon, daß man mehrere Leben durchläuft. Ist da irgend etwas, wie zum Beispiel eine Seele, das all diese Leben durchläuft?
Es wird vielleicht verständlich, wenn Sie sich die VeränderungenTags:
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Permalink Kommentiert von Anand Giri am 29. Juli 2010 um 3:33pm
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