Permalink Kommentiert von Andreas Binder am 22. September 2011 um 8:44am Hallo Phil,
dies sind für mich die besten Kommentare in deutscher Sprache:
http://www.amazon.de/Yogadarsana-k%C3%B6nigliche-Weg-Verwirklichung...
http://www.amazon.de/Die-Wurzeln-Yoga-klassischen-Lehrspr%C3%BCche/...
Ob Du sie für den westlichen Alltag zugeschnitten finden wirst, weiss ich nicht. Allerdings ist es auch fraglich, ob das sein muss. Der westliche Alltag steht in grossen Teilen im Widerspruch zum klassischen Yoga, ich fände es verheerend, den Yoga jetzt so anzupassen, dass er dazu passt.
Hari Om, Andreas
Permalink Kommentiert von Phil am 23. September 2011 um 9:16pm Hallo Andreas und Helmuth,
zunächst danke für Eure Lesetips. Ich denke, ich werde mir sogar die Zeit nehmen mal verschiedene Versionen zu vergleichen und Helmuth, da dein Buch ja so gelobt wird, werd ichs gerne mal lesen.
Jetzt möcht ich aber doch nochmals nachfragen, warum ihr beide den klassischen Yoga als im Gegensatz zum westlichen Alltag stehend bezeichnet?
Natürlich ist der westliche Alltag inzwischen etwas krank geworden. Für mich aber macht die Yoga-Praxis ja gerade dann erst richtig Sinn, wenn sie mir hilft in diesem Alltag hier im Westen zu bestehen, mir genug Vertrauen gibt, um auf meine innere, universelle Stimme zu hören und mir die Kraft gibt nicht jeden Blödsinn der westlichen Kultur mitmachen zu müssen. Die Weisheit des Yoga ist doch universell, wie kann es da im Gegensatz zu äußeren Umständen stehen?
schöne Grüße
Phil
Permalink Kommentiert von Phil am 28. September 2011 um 9:00pm Hall Hemluth,
»Wahrheit«; da verlieren sogar »Yogis und Yoginis« nicht selten ihre emotionale Balance.
...haha, ich finde ja viele Yogis verlieren überhaupt ziemlich schnell ihre Balance. Aber gut, dafür machen wir ja Yoga.
Das mit der Wahrheit teile ich absolut mit dir. Einen Wahrheit ist eine Wahrheit und wird auch immer eine bleiben, denn sonst wäre sie ja keine.
Gerade das Thema Wahrheit, ganz allgemein, scheint uns viel lehren zu können. Denn mit kaum einem anderen Phänomen ist so schnell Identifikation und Anhaftung verbunden. Vielleicht gerade weil es im Yoga um Wahrheit geht, reagieren so viele so schnell verschnupft, wenn Ihr Verständnis von der Wahrheit von anderen anders gesehen wird. Da scheint der Kosmos schon eine humoristische Komponente für uns versteckt zu haben: denn da versuchen wir uns von Anhaftungen frei zu machen, um die Wahrheit zu sehen und sobald wir glauben diese irgendwo erkannt zu haben, setzen wir uns drauf und verteidigen sie, wie ein Elefant der auf seiner Erdnuss hockt.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb die echten Weisen erst gar nicht viel über Wahrheit sprechen.
liebe Grüße
Phil
Permalink Kommentiert von Andreas Binder am 25. September 2011 um 11:24am Hallo Phil,
zu Deiner Frage könnte man stundenlang diskutieren, aber ich versuche es kurz zu halten.
Yoga ist ein orthodoxes Darshana des Sanatana Dharma. Als solches hat es neben der Tatsache, dass es einer reiner Ausdruck der Wahrheit ist, zwei Hauptzwecke: Die Darlegung der Wahrheit/Wirklichkeit (was in erster Linie Entfernung der Avidya (Unwissenheit) bedeutet, da die Wahrheit selbstoffenbarend ist) und die Befreiung vom Leid.
Laut der vedischen Lehre ist unser ursprüngliches Selbst ein Ausdruck reiner Glückseligkeit. Durch die Avidya suchen wir die Glückseligkeit aber nicht in uns, sondern ausserhalb von uns, in der Welt. Dadurch kommt es zu drei Verwechslungen, die zu Leid führen: Von Selbst und Nichtselbst, Reinem und Unreinem und Ewigem und Vergänglichem. Bereits die säkulare Gesellschaft zur Zeit der Entstehung der Yoga-Sutras, aber noch in viel grösserem Masse unsere heutige, westliche Zivilisation, sucht ihr Glück und Heil nicht innerlich, sondern immer in der Welt, durch Sinnesbefriedigung. Hier kann aber kein dauerhaftes Glück gefunden werden, weil alle Gegenstände der Welt vergänglich und wechselhaft ist. Jede weltliche Glückserfahrung ist letztendlich nichts als eine schwache Reflektion der ewigen, unveränderlichen Glückseligkeit des Selbst.
Aus diesem Grund raten die Yoga Sutras (sehr verkürzt und übersimplifiziert), die Sinnesorgane von ihrem Kontakt mit den weltlichen Gegenständen zurückzuziehen und den Geist vollständig zu beruhigen. (Yoga-Sutra I,2: yogas citta vritti nirodhah: Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen aller Modifikationen im Geist). Dies ist nicht einfach möglich, darum werden u.a. die Yamas und Niyamas als Verhaltensregeln vorgeschrieben, die zu einer der Geistesberuhigung förderlichen Lebensweise führen. Deshalb ist eine gewisse weltliche Askese immer integraler Bestandteil einer echten yogischen Praxis. Gerade dieser asketische Aspekt (Brahmacharya & Tapas) wird in der modernen westlichen Interpretation des Yoga aber häufig vernachlässigt, und es wird versucht, die Tradition zu instrumentalisieren, um mehr Sinnesfreuden zu erfahren, was letztlich zu stärkerer Verhaftung, mehr Avidya etc. führt und damit dem Ziel des Yoga diametral entgegengesetzt ist.
Warum aber soll der Geist vollständig beruhigt werden? Der Sehende ruht dann in seiner eigenen, ursprünglichen Natur (tada drashtuh svarupe avasthanam, Yoga-Sutra I,3). Die eigene ursprüngliche Natur ist Glückseligkeit, sie offenbart sich selbst, wenn die Hindernisse beseitigt sind, und darin zu ruhen bedeutet Befreiung.
Um diesen Zustand zu verwirklichen sind in der Regel – und besonders bei Menschen der modernen westlichen Kultur – radikale Veränderungen notwendig (wobei die Radikalität der Veränderungen mehr innerlich als äusserlich ist). Darum beginnen die Yoga-Sutras mit: Jetzt folgt die Unterweisung in Yoga (atha yoga anushasanam, Yoga-Sutra I,1). Atha (jetzt) ist ein Sanskritwort mit unterschiedlichen Bedeutungsschichten. Es bezeichnet einen Anfang und ist gleichzeitig eine Anrufung um Segen für diesen Anfang. Es bedeutet, dass es etwas abgeschlossen wurde und etwas Neues beginnt. Voraussetzung für dieses Neue ist eine Lebensweise gemäss den Yamas und Niyamas.
Häufig wird Yoga auch als ein Weg des Erwachens beschrieben. Das weltliche Leben wird mit dem Zustand des Schlafs bzw. Traums verglichen. (Bhagavadgita 2,69: „Was Nacht ist für alle Wesen, ist die Zeit des Erwachens für den Selbstbeherrschten, und die Zeit des Erwachens für alle Wesen ist Nacht für den nach innen gekehrten Weisen.“). Das weltliche Leben grösstenteils unverändert weiter leben zu wollen (allenfalls optimiert durch einige yogische Praktiken, aber nicht neu ausgerichtet) und Yoga zu praktizieren ist so, als würde man schlafen und hätte das Ziel, aufzuwachen, gleichzeitig wollte man aber den Traum auf keinen Fall aufgegeben und würde alles unternehmen, um weiter träumen zu können.
Hari Om, Andreas
Permalink Kommentiert von Phil am 28. September 2011 um 9:04pm Hallo Klaus
ich kenne das gut und manchmal bin ich ganz schön froh das mein Organismus diesen Autopiloten hat. Da brauch ich nix machen und kann in meiner Komfortzone bleiben. herrlich ist das - führt aber halt auf Dauer leider zum Stillstand. Ich glaube ja überhaupt, das die Sache mit der Unfähigkeit uns selbst zu erkennen, ein ungeschickter Programmierungsfehler war ;)
liebe Grüße
Philipp
Permalink Kommentiert von Phil am 28. September 2011 um 9:14pm Hey Andreas,
wow, danke für deine kleine Abhandlung. Dieses etwas verschlafene Forum hier beschäftigst sich ja langsam wirklich noch mit Yoga ;)
Deshalb ist eine gewisse weltliche Askese immer integraler Bestandteil einer echten yogischen Praxis.
Kommt also alles doch wieder auf die gute alte Tugend "Disziplin" zurück. Jetzt ist doch aber die Preisfrage der ganzen Geschichte: Wie Disziplin aufbauen, wenn keine da ist? Klar man kann sagen, das yogische Praxis Disziplin fördert. Aber da beißt sich doch die Katze in den Schwanz. Wenn nämlich ein Mensch mit wenig Disziplin ausgestattet ist, wie dann den Anfang finden?
Bei dieser Frage hänge ich immer wieder mit meinen Schülern (und zugegeben, natürlich immer mal wieder auch mit mir selbst)
Wie machst du das? Ist deine Motivation immer hoch?
Liebe Grüße
Phil
Permalink Kommentiert von Andreas Binder am 28. September 2011 um 10:19pm Hallo Phil,
ja, ich glaube Disziplin ist in einer gewissen Phase des Weges wichtig. Ich übe eine gewisse Disziplin in meinem Alltag - manchmal geht das ganz leicht und manchmal braucht es mehr Überwindung. Mein Eindruck ist aber, dass die Entwicklung von Disziplin eigentlich nicht so schwer ist.
Zum einen ist es wichtig, massvoll und mit gesundem Menschenverstand vorzugehen. Es bringt wenig, für kurze Zeit täglich zwei Stunden früher aufzustehen um Sadhana zu praktizieren, und gleichzeitig mit Rauchen, Kaffee und dem abendlichen Weggehen aufzuhören - ausser man kann es aufgrund einer inneren Umstellung gar nicht vermeiden. Ansonsten führt ein so schneller Wechsel in der Regel zu Frustration und einem Aussetzen der Praxis. Es ist hingegen durchaus möglich, täglich eine halbe Stunde früher aufzustehen um zu praktizieren, und wenn das Bedürfnis danach entsteht, diese Zeit auszudehnen.
Manchmal wird es einfacher, wenn man eine Entscheidung trifft. Wenn ich mir z.B. selbst verspreche, in den nächsten vier Wochen auf jeden Fall morgens um 5 Uhr aufzustehen und zu praktizieren, oder jeden Tag eine bestimmte Menge an Japa zu machen, dann muss ich nicht mehr darüber nachdenken, sondern führe dies einfach eine Zeit lang aus und schaue, was geschieht.
Wichtig ist auch, dass aus dem, was anfangs Disziplin wird, eine Gewohnheit wird. Sobald sich dies eingestellt hat, fällt es nicht mehr schwer, der neuen Routine nachzugehen, und Du wirst sie vermissen, wenn Du sie einmal nicht einhalten kannst.
Aber die Frage bei einer solchen Selbstdisziplinierung ist ja dies des Warum. Wenn ich davon ausgehe, dass mich Yoga ein Glück erleben lässt, das mir ansonsten nicht zugänglich wäre, dann fällt die Disziplin nicht so schwer. Schwierig ist einfach die Zeit, bis man die ersten Erfahrungen dieses intensiven Glücks gemacht hat. Solange muss man darauf vertrauen (Shraddha) , dass die spirituelle Praxis zu diesen Ergebnissen führt. Hier kann die Begegnung mit spirituellen Meistern oder anderen Aspiranten (Satsang) sehr hilfreich sein. Wenn Dir Dein Lehrer ein Sadhana gibt, ist das ein wunderbares Geschenk, und auch dadurch wird es leichter, es regelmässig zu praktizieren.
In Indien wird häufig gesagt, dass die weltlichen Freuden wie Früchte sind, die anfangs süss schmecken, dann aber bitter werden. Die spirituelle Praxis sei hingegen wie eine Frucht, die zu Beginn bitter, und dann süss schmecke. Etwas ausführlicher ist das in folgender Illustration beschrieben (wobei ich keine Ahnung habe, ob die medizinischen Implikationen stimmen!): Vor der Entwicklung der Schulmedizin konnte man die Gelbsucht nur durch den Verzehr grosser Mengen von Kandiszucker kurieren. Für einen gesunden Menschen hat Kandiszucker einen angenehmen Geschmack, und er würde ihn auch konsumieren, wenn er nicht krank ist. Der Geschmackssinn eines an Gelbsucht leidenden Menschen hat sich durch die Krankheit allerdings verändert, darum schmeckt der Kandis bitter und unangenehm für ihn. Aufgrund der Anweisung seines Arztes überwindet er sich aber und isst ihn. Je gesünder er wird, desto mehr normalisiert sich sein Geschmackssinn, und er beginnt, den Geschmack von Kandis wieder zu mögen.
Genauso ist es bei der spirituellen Praxis: Aufgrund der starken Identifikation mit der äußeren Welt (Krankheit), mögen wir zu Beginn des Wegs das Sadhana (Kandis) nicht. Sobald wir durch regelmässiges Sadhana von der Identifikation mit der äußeren Welt geheilt werden, ändert sich unser Geschmack, und wir finden gefallen am Sadhana und üben es gerne, weil wir uns dadurch gut fühlen und Glück erfahren.
Ich hoffe, das ist nicht zu unzusammenhängend...
Hari Om, Andreas
Lieber Phil,
ich arbeite zur Zeit mit dem Yogasutra von Sriram
https://www.amazon.de/Das-Yogasutra-Von-Erkenntnis-Befreiung/dp/389...
Das Yogasutra des Patañjali ist einer der bedeutendsten Klassiker des Yoga und bildet die Grundlage für alle modernen Yogalehren. R. Sriram, einer der renommiertesten Yogalehrer im deutschsprachigen Raum, hat sich viele Jahre lang mit diesem Text beschäftigt und ihn neu übersetzt. Er verdeutlicht in seinen Erläuterungen, dass die 2000 Jahre alte Lehre viele Lösungsmodelle für Fra-gen enthält, die sich in unserem modernen Leben stellen. Seine klare Sprache und anschaulichen Beispiele machen die Aussagen des Yogasutra lebendig und gut nachvollziehbar und lassen R. Srirams große Erfahrung in der Vermittlung dieses Textes erkennen. Das Glossar am Ende des Buches ermöglicht das schnelle Auffinden der wesentlichen Begriffe. Ein unerlässliches Buch für Yoga-Praktizierende und für alle, die sich für die altindischen Lehren der Befreiung interessieren.
Da steht auf jeder Seite ein Sutra, mit Schrift und Sprache, und dann zu jedem Sutra eine Erläuterung..
finde das ganz schön gemacht..
Ich lese in meinen Kursen in jeder Stunde ein Sutra daraus vor mit Erläuterung um auch den Schülern was mitzugeben... und da finde ich diese Variante - 1 Satz mit Erläuterung - so schön übersichtlich.
Namasté
Silke
Permalink Kommentiert von Phil am 23. September 2011 um 9:59pm Hallo Silke
auch dir lieben Dank für den Tip. Da ich bei Indra Mohan damals meinen aller ersten Yogaunterricht erlebt habe, werde ich deine Buchempfehlung von Sriram auch mal ansehen, (er stammt ja wie die Mohans auch aus der Krischnamacharja-Linie)
danke nochmal
Namaste
Phil
Permalink Kommentiert von Astanga-Yoga München am 5. Oktober 2011 um 4:05pm Hallo Feiksi,
ich bin mir nicht sicher, ob die Yogasutren in diesem Stil geschrieben sind. Jedenfalls die Disziplin, die sich damit beschäftigt nennt sich Chandas und ist ein Vedanga. Hier kann man mehr dazu lesen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Vedanga
Die Gitas auf jeden Fall sind in Reimen geschrieben, denn Gita übersetzt bedeutet Lied. Bhagavadgitas klassische Übersetzung ist zum Beispiel poetisch.
Herzliche Grüße
Permalink Kommentiert von Astanga-Yoga München am 5. Oktober 2011 um 3:57pm Hallo Phil,
ich bestätige die Empfehlung von Andreas und stimme ebenfalls für das Buch:
http://www.amazon.de/Die-Wurzeln-Yoga-klassischen-Lehrspr%C3%BCche/...
Wobei ich finde teilweise die Kommentare dort sind viel mehr philosophisch und nicht immer an den Punkt gebracht. Deshalb ist zu empfehlen, täglich über die Sutren selber nachzudenken und zu meditieren. Auf diesen Weg habe ich gute Erfahrung mit Fragen wie "Was ist Yoga?" oder "Was ist Kriya-Yoga" gemacht.
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