Laptop-Meditation im ICE
(Auf der Fahrt von Villingen nach Bad Meinberg am 11. 02. 2011)
Normalerweise ist Zugfahren etwas sehr Profanes, Zweckgebundenes.
Du willst möglichst schnell von diesem zu jenem Ort gelangen,
zur Arbeit, nach Hause, zu Freunden, zu Veranstaltungen…
Normalerweise ist auch das Sitzen vorm Laptop einem Zwang und
Zweck unterlegen. Du schreibst z. B. aus den unterschiedlichsten Gründen
eine Mail, geschäftlich, privat…, jedenfalls, um jemand anderem
zu zeigen, dass es dich gibt, dass du eine Persönlichkeit bist, die da
fordern, befehlen, wünschen, bitten, fragen, antworten, delegieren
oder alle möglichen Geschichten erzählen und Spiele spielen kann.
Oder du spielst Computerspiele, lenkst dich ab, machst dich zu,
blendest aus…
Seine Zeit, seine Lebenszeit kreativ zu nutzen, sein inneres Potential
im außen spielen zu lassen, frei, vogelgleich sich in geistige Sphären
erheben, mit den Gedanken spielen, statt sie in den Gehirnwindungen
erstarren zu lassen zu mentaler Obstipation, das kann schon der kleine
Beginn einer Meditation sein.
Ich sitze im Zug. Alleine diese Tatsache, wenn man sich die in ihrer
ganzen „Trag“weite einmal vor Augen hält, ist doch schon völlig
„abgefahren“! Das Vorbeifliegen der Landschaft, du kannst an nichts
festhalten, kannst kurz hier eine Kirche, ein Dorf fixieren – welche
Geschichten, welche Dramen mögen sich in den kleinen Häuschen
und Höfen bei Tag und Nacht ereignen? – dort einen Wald – wer
träumt im Schatten seiner Bäume welche Träume? - Wiesen und
Felder – wer bestellt sie, wer erntet, wer ist besorgt um die Witterung,
den Frost, die Trockenheit, den Hagel, den Sturm? – Und dann die
Betonfestungen – sie kannst du dir genauer anschauen, hier halten die
Züge, hier steigen die Eiligen, Geschäftigen, Besorgten, Gehetzten,
Ausgesaugten, die Gewieften, die Geschliffenen, die Schleifer und
die Schleimer ein und aus: Menschen wie du und ich, Seelen,
die sich nach Lieb sehnen, nach Durchatmen, nach Freiheit.
Ich sitze im Zug und schreibe auf meinem Laptop diese Zeilen.
Doch da ist keiner der überlegt. Und bald ist da keiner der schreibt.
Da ist nur einer der schaut, nach außen, nach innen. Nach Innenaußen.
Mein Zug fährt jetzt an einem Fluss entlang, einer der wenigen
noch unbegradigten. Dieser sanfte Fluss fährt seine Schleifen
durch ein Bett, das seine Wasser in Jahrhunderttausenden schufen –
ohne eigenen Willen nur der Schwerkraft zum Meer hin folgend,
vielleicht einzig dem Sehnsuchtsruf der Möwen verpflichtet.
Und dieser Zug, in dem ich heute sitze, folgt ihm stählern und
steif, vielleicht ein bisschen wie eine englische Lady. Doch auch
er folgt der Schwerkraft seines Ziels – nicht so geschmeidig, nicht
so poetisch, nicht so launenhaft und überraschend… Und was
tue ich, was tut mein Geist? Jetzt ist er ein geschmeidiger Tänzer,
morgen vielleicht ist er wieder tückisch und launenhaft,
unbeweglich und starrsinnig. Heute nutze ich ihn, solange er
mir folgt, für diese kleine Laptop-Meditation. Stille in mir.
Frieden in diesem Abteil. Schönheit der fliehenden Landschaft.
Freude des versunkenen Augenblicks. Jemand spielt die Melodie
des Ewigen auf der Klaviatur des Zeitgeistes.
Gepostet am 18. Oktober 2011 um 12:00am 0 Kommentare 1 Like
Gepostet am 8. Oktober 2011 um 9:00pm 0 Kommentare 1 Like
Gepostet am 7. Oktober 2011 um 12:44am 0 Kommentare 1 Like
Gepostet am 4. Oktober 2011 um 12:34pm 0 Kommentare 1 Like
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